VergissMeinNicht

Im Schnee der Erinnerung oder über das Verstreichen der Zeit 

 

Erinnerungen verändern sich im Laufe der Zeit – und wir mit ihnen. Sind wir die Summe unserer Erinnerungen, ist unser Gedächtnis deckungsgleich mit unserer Identität (John Locke), handelt es sich bei Erinnerungen um eine Verknüpfung zwischen Gedächtnis und subjektivem Bewusstsein (Henri Bergson) oder lösen sich Erinnerungen in unserer digitalen Welt zunehmend in Informationen auf (Byung-Chul Han)?

Mit den jeweilig aktuellen Speichertechnologien verändert sich unser Blick auf Erinnerung und unser Umgang mit dem Vergessen. In unserer digitalen Welt verweist Erinnerung in Gestalt von Datenspeicherung nicht mehr so sehr auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft. Welchen Stellenwert hat Erinnerung in digitalen Systemen, wenn das Internet einerseits nichts vergisst und sich Erinnerung dennoch im Datenstrom auflöst. Byung-Chul Han vertritt in seinen Buch Undinge die These, „dass wir heute die Wirklichkeit vor allem über Informationen wahrnehmen und dass deswegen weniger ein direkter Kontakt mit  der Wirklichkeit stattfindet. Wir können bei Dingen, aber nicht bei Informationen verweilen. Informationen wiederum bringen wegen ihrer Flüchtigkeit zeitintensive, kognitive Praktiken wie Erfahrung, Erinnerung oder Erkenntnis zum Verschwinden“. 

Wenn alles Information ist und Information die gegenwärtige Form des Vergessens aufgrund ihrer Flüchtigkeit darstellt, dann löst sich das über kognitive Prozesse, Bewusstsein und Reflexion definierte  Subjekt auf. Einerseits weil für kognitive Praktiken im Fluss der Datenströme keine Zeit bleibt, andererseits weil Erinnerung sich aufgrund extrem kurzer Aufmerksamkeitsspannen oftmals im gerade aktuellsten Selfie erschöpft, und an Bedeutung verloren hat. „Die Digitalisierung entdinglicht, entkörperlicht und letzten Endes entwirklicht die Welt. Sie schafft auch Erinnerungen ab. Statt Erinnerungen nachzugehen, häufen wir Daten und Informationen an.“ (Byung-Chul Han) Wir haben zwar jede Menge Informationen, können aber damit letztlich nichts anfangen, weil wir sie nicht kontextualisieren können und somit keine Bedeutung entsteht. Der Wert des gesammelten Datenmaterials liegt in einer potenziellen, zukünftigen Nutzung, die wir in der Gegenwart noch nicht absehen können. Die Erinnerung stellt damit nicht mehr so sehr eine Referenz auf die Vergangenheit dar, sondern wird zu einem Element, das aus der Zukunft auf die Gegenwart wirkt. Damit schwindet die Bedeutung von individueller und kollektiver Vergangenheit, Hand in Hand mit unsere Fähigkeit die Gegenwart zu interpretieren. In einer nicht mehr linearen, sondern spekulativen Zeit stellt nicht mehr die Vergangenheit den zeitlichen Referenzpunkt des Erinnerns dar, sondern die Zukunft: nicht mehr die Frage wer wir waren, sondern wer wir sein könnten, zählt.

In Philip K. Dicks dystopischen Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen (1968) stellen vorhandene oder fehlende Erinnerungen ein Unterscheidungsmerkmal dar, ob es sich um einen Menschen oder Replikanten handelt. Fehlende Erinnerung ist hier gleichbedeutend mit einer kurzen begrenzten Lebenszeit, Erinnerung in Form einer Lebensgeschichte ist soziale Distinktion, die Privilegien und das Recht 

zu leben sichert. Aber auch die Replikanten verfügen über eine Art Historie, erfundene Biografien, die sich jedoch authentisch anfühlen. Diese Problematik der Unterscheidung zwischen realer und manipulierter Erinnerung sowie das Thema Erinnerungstransformation behandelte Philipp K. Dick bereits in seiner Kurzgeschichte Erinnerungen en gros (1966), die sich als Verfilmung mit dem Titel Total Recall in die Science Fiction Filmgeschichte eingeschrieben hat. In Total Recall führt die Übertragung künstlicher Erinnerungen zu einer Identitätskonfusion hinsichtlich dessen, wer man war und wer man ist, da nicht mehr klar ist, was in der Vergangenheit passiert ist. Individuelle Identität und Vergangenheit wird vom Geheimdienst gelöscht, indem Verdrängung und Vergessen von außen durch staatliche Intervention herbeigeführt wird. Falsche Erinnerung wird im Gehirn implantiert, um reale Erinnerung zu ersetzen, wobei sich jedoch das Unbewusste nicht vollkommen löschen und kontrollieren lässt. 

Vor kurzem ist es Biologen der University of California gelungen Verhaltenserinnerung einer  Meeresschnecke (Aplysia californica) auf eine andere zu übertragen. Die Wissenschaftler brachten einer der bis zu 75 cm groß werdenden Meeresschnecken bei, eine Zuckbewegung, die ihre übliche Reaktion auf eine Gefahrensituation ist, besonders lange auszuführen, nämlich ganze 50 Sekunden. Anschließend entnahmen sie aus den Nervenzellen der trainierten Schnecke einen speziellen Botenstoff und injizierten diesen in ein anderes Tier, das fortan auf denselben Reiz mit dem Verhalten der konditionierten Schnecke reagierte. Die Nervenzellen der Aplysia californica ähneln den menschlichen Nervenzellen.

Lassen sich Erinnerungen in naher Zukunft von einem Lebewesen auf ein anderes übertragen? Alptraum oder Chance? Wenn die an Meeresschnecken erfolgreich durchgeführte Erinnerungsübertragung zu einer vollwertigen Gedächtnisübertragung beim Menschen führen würde, wäre das definitiv ein Alptraum, andererseits könnte es auch ein hilfreiches Mittel bei Gedächtnisverlust und neurologischen Erkrankungen darstellen. Hoch problematisch ist es, wenn wir uns dieser Prozesse und Unterscheidungen nicht mehr bewusst sind.

John Locke, Vordenker der Aufklärung, war der Ansicht, dass wir echte von manipulierter Erinnerung nicht unterscheiden können, dass somit ein manipuliertes Gedächtnis gleichbedeutend wäre mit einer manipulierten Identität. Locke sah die Identität einer Person in ihrem Bewusstsein begründet – es ist das Bewusstsein, dass uns unsere Erlebnisse als je eigene wahrnehmen lässt. „So überdauert unsere Identität  nur soweit, wie sich unser Bewusstsein in die Vergangenheit erstreckt. Das bedeutet, dass wir insofern dieselben wie früher sind, als wir uns an frühere Erlebnisse erinnern können“.

Auch Henri Bergson sieht das Gedächtnis nicht nur als einen Erinnerungsspeicher, sondern mit der ganzen Persönlichkeit verbunden. Bei Bergson steht die Verknüpfung zwischen Gedächtnis und subjektivem Bewusstsein im Vordergrund, wobei das Gedächtnis einer Person Tiefe besitzt, einzigartig ist und persönlichen Stil hat. Er weist darauf hin, dass die Erinnerung, die in uns ist und die wir sind, ins Unbewusste verdrängt und vergessen wird. Mit dem Gedächtnis verlieren wir uns nicht nur selbst, sondern unsere Beziehungen zu den anderen. „In Materie und Gedächtnis (1896) unterschied Bergson zwischen dem „Gewohnheitsgedächtnis“ und dem „reinen Gedächtnis“, der reinen Erinnerung, die die einzigartigen Ereignisse individueller Geschichte enthält, und dem Gewohnheitsgedächtnis, das nach dem Vorbild 

mechanischen Auswendiglernens funktioniert. Im reinen Gedächtnis dominiert die Konzentration auf unmittelbare Handlungen, wodurch unter anderem die Erinnerung an materielle Dinge verdeckt wird. Materie ist laut Bergson nicht das Gegenteil des Gedächtnisses, sondern eine niedere, aber reale Stufe des Gedächtnisses.“

In Yoko Ogawas dystopischen Roman Insel der verlorenen Erinnerungen verschwinden Dinge, Haarbänder, Hüte, Briefmarken, Rosen, Vögel, aber auch Körperteile und Menschen unwiederbringlich. Mit den Dingen verschwinden Erinnerungen und Bedeutungen. Alles befindet sich in einem fortschreitenden Auflösungsprozess. Verantwortlich dafür ist die sogenannte Erinnerungspolizei, die als ausführendes Organ eines totalitären Überwachungs- und Polizeistaates dafür sorgt, dass Erinnerungen gelöscht werden, um die Inselbewohner*innen besser kontrollieren zu können. Unter Lebensgefahr, sind es nur mehr wenige der Inselbewohner*innen, die sich an verlorene Dinge erinnern, u.a. ein Lektor, der mit Dingen Gedanken, Gefühle und Erlebnisse verbindet. Wenn Materie verschwindet, lösen sich mit den Referenzobjekten die Erinnerungen selbst auf, wie in Yoko Ogawas Roman. In diesem Regime der totalen Überwachung und Erinnerungskontrolle verschwindet jede Form von Andersheit.

 

Byung-Chul Han beschreibt in Undinge wie die stabile terrane Ordnung heute durch die digitale Ordnung abgelöst wird, wobei „die digitale Ordnung die Welt entdinglicht, indem sie sie informatisiert. Nicht Dinge, sondern Informationen bestimmen unsere Lebenswelt. Wir bewohnen nicht mehr Erde und Himmel, sondern Google Earth und Cloud“. Auch hier verschwindet die Dingwelt – materielle Räume, wo wir verweilen können, werden durch immaterielle Informationsflüsse ersetzt. Damit einher geht das digitale Verfügbarmachen der Welt, die unseren Bedürfnissen unterworfen wird, wodurch der Andere verschwindet, so Byung-Chul Han. Für ihn ist das Smartphone ein Instrument, das narzisstische Sphären ermöglicht, die frei von den Unwägbarkeiten des anderen sind. „Es macht den Anderen verfügbar, indem es ihn zum Objekt verdinglicht. Aus dem Du macht es ein Es.“ 

 

Das was bleibt, sind Daten und Informationen, die Wirklichkeit von der Zukunft her prägen. Die längst nicht mehr lineare Zeit kommt aus der Zukunft, durch die Zukunft wird die Gegenwart bestimmt, selbst unser Verhältnis zur Vergangenheit ist spekulativ. Wenn Informationen die Gegenwart dauerhaft besetzen, bleibt für Bedeutung und Erinnerung keine Zeit. Alles wird zu einem mechanischen Gedächtnis (Bergson), in dem subjektives Bewusstsein durch automatisierte Emotionen und Aufregungswellen kompensiert werden. Jeder Augenblick, jeder digitale Move, jede physische Bewegung wird registriert und gespeichert zum Archiv der Vergangenheit, um Zukunft antizipieren und präemptiv gestalten zu können. In diesem Szenario werden Vergangenheit und Erinnerungen instrumentalisiert, um potenziell als zukünftiges Daten-Kapital ausgewertet zu werden. Damit geht es nicht mehr um die Vergegenwärtigung der Vergangenheit in der Gegenwart oder um Erinnerungen realer Erfahrungen, sondern um die präemptive Gestaltung von Zukunft.

Das Verstreichen der Zeit ist der Rahmen in dem unsere Erinnerung eingeschrieben ist, worauf unsere Erinnerung referiert. Erinnerung entsteht dadurch, dass wir Daten nicht nur speichern, sondern Beziehungen herstellen, mit Bedeutung versehen, als Erzählung, Geschichte, Wissen strukturierien. Die Unterscheidung zwischen Realerfahrungen und virtuellen oder simulierten Erinnerungen wird uns zukünftig vermehrt beschäftigen. Auf Erfahrungen basierende Erinnerungsarchitekturen formen nicht nur Subjektkonstruktionen, sondern prägen zukünftiges Verhalten – in Verbindung mit Kontingenz halten sie Zukünfte weiterhin offen.

 

Was aber, wenn wir absichtlich vergessen wollen? Nach Umberto Eco ist ein Vergessen aus Versehen möglich, nicht aber in Form einer aktiven Vergessenstechnik. Erfahrene Traumata oder quälende Erinnerungen bleiben damit erstmal im Gedächtnis, können nicht auf Knopfdruck gelöscht werden, wie man sich das vielleicht wünschen würde. In Michel Gondrys Film Vergiss mein nicht! (2004) wird bewusstes Vergessen von bestimmten Erinnerungen durch ein spezielles Verfahren ermöglicht – der Protagonist lässt sein Gedächtnis manipulieren, um nicht länger an eine schmerzliche Trennung denken zu müssen. Im Unterbewusstsein bleiben dennoch Erinnerungssignale zurück, die aktiviert werden können.

Die Last von Erinnerungsüberfluss beschreibt Jorge Luis Borges in seiner Erzählung Das unerbittliche Gedächtnis (1942), in der die Hauptfigur durch einen Unfall nichts mehr vergessen kann, woran sie letztlich zerbricht. Die Figur funktioniert wie ein unendliches Gedächtnis mit dem Zwang sich an alles detailliert erinnern zu müssen, ohne jedoch die Einzelteile zusammenführen zu können, – ein mechanisches Gedächtnis, ähnlich der Cloud. Erinnerung schmilzt im digitalen Tauwetter – wie Schnee von gestern.

Sabine Winkler

1. John Locke (1632–1704), Versuch über den menschlichen Verstand, 1690

2. Henri Bergson (1859–1941), Materie und Gedächtnis, 1896

3. Byung-Chul Han, Undinge – Umbrüche der Lebenswelt, Berlin 2021

4. Vgl. Byung-Chul Han im Interview mit Gesine Borcherdt, Die Welt hat sich ganz nach uns zu richten, veröffentlicht am 19. Januar 2022, in: philosophie Magazin, www.philomag.de/artikel/byung-chul-han-die-welt-hat-sich-ganz-nach-uns-zu-richten 

5. ebda.

6. Literarische Vorlage des Films Blade Runner von Ridley Scott, 1982

7. Vgl. Octave Larmagnac-Matheron, Transplantierte Erinnerungen: Traum oder Alptraum?, veröffentlicht am 08. November 2021 in: philosphie Magazin, www.philomag.de/artikel/transplantierte-erinnerungen-traum-oder-alptraum

8. Vgl. Theresa Schouwink, John Lockes „Dieselbigkeit“, veröffentlicht am 22. April 2021, in: philosphie Magazin, www.philomag.de/artikel/john-lockes-dieselbigkeit

9. Vgl. Frédéric Worms, Henri Bergson und das Gedächtnis, 2016, in: philosophie Magazin, www.philomag.de/artikel/henri-bergson-und-das-gedaechtnis

10. Yoko Ogawa, Hisoyaka na Kesshō, 1994, Japan; englische Übersetzung: The Memory Police, 2019

11. Vgl.: Byung-Chul Han im Interview mit Gesine Borcherdt, Die Welt hat sich ganz nach uns zu richten, veröffentlicht am 19 Januar 2022, in: philosophie Magazin, www.philomag.de/artikel/byung-chul-han-die-welt-hat-sich-ganz-nach-uns-zu-richten 

12. Vgl.: Byung-Chul Han im Interview mit Gesine Borcherdt, Die Welt hat sich ganz nach uns zu richten, veröffentlicht am 19 Januar 2022, in: philosophie Magazin, www.philomag.de/artikel/byung-chul-han-die-welt-hat-sich-ganz-nach-uns-zu-richten 

13. Vgl. Armen Avanessian und Suhail Malik, Der Zeitkomplex, 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, 2016,

http://bb9.berlinbiennale.de/de/der-zeitkomplex/

 

 

„Mit einem Mal war die Erinnerung da...“ oder 
  Kein Mensch lebt nur im Augenblick.

 

Wer sich erinnert, hat zuvor vergessen... 
Die Erinnerung ist gerahmt, durchsetzt und strukturiert vom Vergessen. Ein dynamisches Wechselspiel: „When you carry the light into one corner, you darken the rest.“ (Francis Bacon 1561-1626)
Schon in Autobiographien sehen wir, dass nur Ausschnitte einer Existenz beleuchtet werden; das Meiste bleibt zwangsläufig im Dunkeln; einiges wird verdichtet und damit fiktionalisiert/ “verfälscht“. Leben und Lebenserinnerungen sind nie identisch. Der deutsche Autor Günter Grass bemühte die Metapher der Zwiebel, als er „Beim Häuten der Zwiebel“ (2006) schrieb. Wie die einander überlagernden Schichten des Gemüses will er schreibend seine Erinnerungen freilegen und dann auch bekennen, dass er als 17-jähriger SS-Soldat im 2. Weltkrieg war. Und das Peinliche schmerzt ihn, wie die Zwiebel einem Tränen in die Augen treibt...   -  Unendlich viel berühmter als die Zwiebel ist die Madeleine in Marcel Prousts Roman „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913-1927). Dort schildert der Protagonist Swann, wie er das muschelförmige Gebäck in den Tee eintaucht und zu genießen beginnt. „In der Sekunde nun (...) zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch das Ungewöhnliche, das sich in mir vollzog.“ Dieser Moment ist der Trigger für seine „unwillkürliche Erinnerung/ mémoire involontaire“ an das Dorf Combray seiner Kindheit, seine Tanten... Diese plötzlich wachgerufene Vergangenheit, dank eines Dufts und Geschmacks, als sei es gestern gewesen, erlebte Proust als Glücksgefühl und war folgenschwer, denn dieser Roman, der im Grunde vom „unermesslichen Ge- bäude der Erinnerung“ handelt, umfasst mehr als 5000 Seiten... und auch für die (Neuro)Psychologie lehrreich, wo der phänomenale Proust-Effekt oder Madeleine-Effekt seinen festen Platz hat. Sinnliche Stimuli, besonders Gerüche, gelten dort als Zugang zu verlorenen Erinnerungen, besonders bei Kranken. Prousts Verzückung wird auch psychologisch bestätigt: Ohne Gefühle keine sinnvolle Erinnerung. Dass Duft die Erinnerung erleichtert, erklären sich Neuropsychologen auch damit, dass das Gedächtnis evolutionär als Geruchssinn entstanden sein muss.
 
Gedächtnis und Erinnerung lassen sich im Deutschen (und in anderen Sprachen) unterscheiden, während es auf Englisch dafür nur memory gibt: Das Gedächtnis im Hippocampus, der Arbeitsspeicher des Gehirns und die Schaltstelle für Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, ist modular und hierarchisch organisiert. Sein Gewebe ist plastisch und   -  zum Glück für uns  -   lebenslang zur Neurogenese fähig: zur Erneuerung seiner Nervenzellen, besonders durch Training. Das Gedächtnis ist also die biologische Voraussetzung für das Erinnern und gleichzeitig ein Sammelbegriff für „die“ Erinnerungen. Der Zugriff auf das Gedächtnis ist momentgebunden, denn das Erinnern steht für die aktuelle Handlung des Zurückblickens auf Vergangenes, sei es nun willentlich/intentional oder unwillkürlich getriggert (durch eine Madeleine!, sushi, Rosen oder einen Ort...). Wird die Erinnerung, die fragmentarischen Charakter hat, versprachlicht, vermischt sie sich mit Fiktivem; wir assoziieren, füllen Lücken auf, indem wir erfinden, auch unwissentlich...Wir wollen gern eine kohärente Story aus unserem Leben, an der wir weiter modellieren; wir „verbessern“ sie.... So kann aus einer strapaziösen, ja schrecklichen Reise mit der Zeit einfach eine interessante, abenteuerreiche werden. Wir modifizieren unsere Erinnerungen ein Leben lang. Und wir können sie auch verlieren.
Dafür könnte das Musashi-Gen verantwortlich sein, das Vergesslichkeitsgen, in der Hirnforschung kurz MSI1 und MSI2 genannt, 
das seine Proteine an die Synapsen am Gewebeende schickt und sie – zack, zack! – durchtrennt wie der Samurai Miyamoto Musashi, berühmt dafür, mit 2 Schwertern gleichzeitig kämpfen zu können. Hai!

Vom individuellen kommen wir nun zum übergeordneten „kollektiven Gedächtnis“ (Maurice Halbwachs). Dem französischen Soziologen zufolge spielen die „sozialen Rahmen“ einer Gesellschaft die wichtigste Rolle in der Erinnerungskultur bzw. im „kollektiven Gedächtnis“: Die jeweils aktuellen Kommunikationsregeln und Normen eines Kollektivs („Was ist positiv für uns?“) bestimmen, welche Erinnerungen gepflegt und welche ausgesperrt werden. Halbwachs postuliert, es gäbe strikt gesehen kein individuelles Gedächtnis! Zwar sei jedes Gedächtnis  biologisch individuell ausgestattet, aber was und wie wir uns erinnern, sei immer sozial mitgeformt ,‚mitgetextet’. Anders formuliert: Wir erinnern uns der eigenen Geschichte  -  jedoch zu nicht selbst gewählten Bedingungen und stets sozial beeinflussbar; so kann sich ja niemand sein Geburtsjahr und –land mit all dem, was zeitgeschichtlich daraus folgt, aussuchen... 
Da jede Gesellschaft, Ethnie, Nation ein Interesse daran hat, ihre spezifische Kultur zu erhalten und an die Nachkommen weiterzugeben, schafft sie Orte und stellt Organisationsformen bereit, wo sie ihr gemeinsames Gedächtnis mithilfe von Medien wie Schrift und Bild, Gesang, Tanz und Theater... stabilisieren.  Hier spricht man vom kulturellen Gedächtnis (im Unterschied zum kommunikativen Gedächtnis, das auf natürliche Weise mit dem Tod von Menschen endet;)  eines Kollektivs, an dem potentiell alle mitarbeiten. „Das kulturelle Gedächtnis ist ein aufwändiges Langzeitprojekt; es ermöglicht Menschen, sich in einem großen Zeithorizont zu bewegen.“ (Aleida Assmann) Bei dieser emsigen ‚Kulturarbeit’ schaffen wir Schrift- en, Tondokumente, Filme in Archive, Bilder und Objekte in Museen, Bücher in Bibliotheken, errichten Gedenkorte für Opfer und Berühmtheiten, benennen wir Plätze nach erinnerungswürdigen Personen, schaffen Dokumentationsstellen, unterrichten in Schulen junge Menschen über Wissenswertes (oder auch nicht), restaurieren alles Mögliche... Unablässig konservieren wir, um im Gegenzug später wieder etwas zu zerstören oder wegzusperren, was in der Vergangenheit noch Gültigkeit hatte: „Dieses Denkmal muss weg!“ oder „Diese Bilder sind sexistisch, rassistisch... und gehören nicht in den öffentlichen Raum.“  - Viele Dinge verstauben in Kellern, aber eines Tages werden sie quasi wiederentdeckt. Eine brisante Justizakte, eine vergessene Autorin...  Oder dass eine Historiographie perspektivisch nicht mehr nur „von oben“ (den „Wichtigen“), sondern „von unten“ (den „Gewöhnlichen“) geschrieben wird. Ein frischer Zeitgeist mit einer jüngeren, gemischteren Gesellschaft ist da, neue Debatten, Diskurse sind im Umlauf... Und eine neue Dynamik im kulturellen Gedächtnis entsteht. – Zudem haben wir Feiertage, Bräuche und Erinnerungsrituale wie Totengedenken... Und diese (den eigenen Lebenshorizont übersteigenden) Aktivitäten sind identitätsbildend für ein Kollektiv. 

Der Normalfall ist das Vergessen, nicht das Erinnern. (Sogar die japanischen Bahnen wissen das: „Vergessen Sie Ihren Regenschirm nicht!“ Wo sonst auf der Welt gibt es das??) Merkten wir uns andauernd alles in unserem täglichen Leben, wären wir ständig von Eindrücken aller Art überwältigt und im Kopf herrschte ein unerträglich diffuses Wimmelbild. So vergessen wir automatisch und priorisieren das uns Wichtige. Mentale Hygiene durch automatisches und selektives Vergessen. Wir machen tabula rasa, alles vom Tisch!,um neu anzufangen. Therapeutisches Vergessen. Oder in einer Psychoanalyse: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, so heißt es seit S.Freud. Eine unfreiwillige „Therapie“ jedoch widerfährt der Hauptfigur in Kaurimäkis märchenhaftem Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002): Nach einem Gewaltakt erleidet er einen totalen Gedächtnisverlust, er weiß nicht einmal mehr seinen Namen. Er ist identitätslos. In Helsinkis Hafenviertel gelandet, findet er Solidarität bei den Ärmsten und Zuneigung von einer Sozialarbeiterin. Mithilfe eines im TV präsentierten Fotos identifiziert ihn schließlich die Bürokratie. Seine Ehefrau erkennt ihn. Zu ihr will er nicht mehr zurück. So erlebt er eine ‚Neugeburt’ dank seiner Amnesie.

Wollen/Sollen wir vergessen, vergessen wir gerade nicht. Denn dazu müsste man vergessen, dass man vergessen will... Auf Befehl vergeht der Liebeskummer nicht! (Ganz radikal war da der Philosoph Nietzsche: „Nur was nicht aufhört wehzutun, bleibt im Gedächtnis.“)  -  Auch faszinierend ist, dass immer wieder eine Erinnerung an etwas Vergessenes auftaucht. Aber was war es denn bloß?? 
 
Eine weitreichende Dimension in der Justiz und damit in der Gesellschaft hat die sogenannte „Faulting memory“ (Elizabeth Loftus): Trügerische Erinnerungen und das getäuschte Gedächtnis. Ihre Studien belegen die Unzuverlässigkeit des Erinnerten von Augenzeugen bei Polizeiverhören und Aussagen vor Gericht. Haar- und Gesichtsfarbe, Kleidung, der Waffengebrauch des Täters... Durch manipulative Fragen sind Menschen steuerbar. Dies geht sogar soweit, eine Person dazu zu bringen, ein Erlebnis in sein Gedächtnis zu integrieren, das diese nie gehabt hat.

Am Ende noch zur Kunst, zu den Langzeitprojekten des Schweizers Mats Staub, die berührend und inspirierend sind: „Was wissen Sie aus dem Leben der Großeltern?“,  begann er ab 2008 zu fragen - im Erschrecken über die eigenen Wissenslücken -  und eröffnete ein Erinnerungsbüro, wo Leute ihn besuchen und 1 Stunde erzählen konnten. Er schaffte daraus eine Hörinstallation. Dieses Motto ‚Von den Großeltern zu dir’ regte andere an, auch nachzudenken und zu forschen. (Hier geht es um das soziale Vergessen und das intergenerationelle Gedächtnis, das mit der 3. Generation einer Familie stark abschwächt.)

„10 wichtigsten Ereignisse meines Leben?“ war international ausgerichtet und schriftlich zu beantworten. Die Aktion dauerte von 2012 – 2015. Manche Antworten sind im Internet nachlesbar.
„Death and Birth in my Life“ begann 2014 und führt stets 2 Menschen aus aller Welt zusammen, die über die beiden markantesten Schwellen unseres Lebens sprechen - im Video-Format.
„21“  stellen Erinnerungen ans Erwachsenwerden ab 1939 bis in die Gegenwart dar. Mats Staub komprimiert seine Gespräche auf jeweils 10 Minuten und konfrontiert nach 3 Monaten die Teilnehmenden mit ihren eigenen Erinnerungen. Dabei filmt er sie ein 2. Mal. Bei Festivals, in Galerien können die Besucher:innen auf 2 Bildschirmen die Aussagen mitverfolgen. Ein spannungsreicher Darstellungsmechanismus, der den Erinnerungsprozess als solchen thematisiert. Höchst interessant ist, dass es gerade nicht um Prominente, sondern um sogenannte ‚gewöhnliche’ Menschen geht, die sich nicht hinter ihren tollen, aufregenden ‚Stories’ verstecken können, die auch nicht so glatt daherreden, ihre Sprache oft erst suchen.

Lassen wir uns vom Erinnerungskünstler Staub inspirieren und befragen uns und andere... Und davor schälen Sie keine Zwiebel!
Nehmen Sie einen Tee mit Madeleine...

Karin Ruprechter-Prenn (02/22)

 

 

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