Talking Bag(s)
Eine Kollektion in der Tasche, eine Kollektion zum Auspacken.
Edwina Hörl präsentiert eine neue Kollektionsform, die das Sammeln (collecting) in den Vordergrund stellt. In ihrer „one-bag-collection“ referiert sie auf das Prinzip der Zusammenstellung und Präsentation von Kleidungselementen – im Zentrum des Interesses steht das Sammeln als Tätigkeit, also die in der Bezeichnung Kollektion verpackte Bedeutung. Damit stehen in dieser neuen Serie nicht nur die einzelnen Teile, die in Summe ein Ganzes ergeben, im Vordergrund, sondern das Sammeln (collecting) wird als verbindende Handlung in einer Gemeinschaft gesehen.
Edwina Hörl versammelt in ihrer „one-bag-collection“ Kleidungsreferenzen verschiedener geografischer und kultureller Regionen in einer Tasche. Sie führt Techniken, Materialien und Motive, wie japanische Strick- und Färbetechniken, handgewebte indische Baumwollstoffe und Stoffdruckmotive, sowie deutsches Schuhhandwerk (Trippen) im EH-Design zusammen. Die Tasche stellt damit eine Art Sammel-Behälter für partizipativ auswählbare Objekte dar, die Bestandteil der Kollektion sind. Die Tasche ist sozusagen eine Einladung, einzelne Objekte im Kontext und als Bestandteil eines Ganzen zu verstehen, sowie das eigene Auswahlverhalten zu reflektieren.
Edwina Hörl referiert dabei auf „The Carrier Bag Theory of Fiction“ der Autorin Ursula Le Guin (1929–2018), die nicht den Speer, eine Waffe, sondern die Tragtasche als entscheidendes Werkzeug in der Menschheitsgeschichte betrachtete. Damit stellte sie den auf männlichen Individuen basierenden Heldenmythen Erzählungen der Gemeinschaft entgegen. Sie betrachtete das gemeinsame Sammeln von Früchten, Beeren, Heilkräutern, etc. als die Methode, mit der der kollektive Lebensunterhalt und das Überleben einer Gemeinschaft gesichert werden konnte. In dieser feministischen Technologiegeschichte stellt sie dem Sammeln das Erzählen als Werkzeug zur Gestaltung von Welt zur Seite, um die patriarchal dominierten Heldengeschichten aufzubrechen. In Le Guins „The Carrier Bag Theorie of Fiction“ tragen alle Mitglieder der Gemeinschaft zu deren Überleben bei, nicht einzelne jagende oder kriegerische Individuen, die die Gemeinschaft ernähren und schützen. Sie demontiert den Helden als überhöhte Retter-, Erlöser und Gründungsfigur, sowie die damit verbundenen Mythen und Narrative.
Nicht Jagd- und Kampfwaffen sind für eine Gemeinschaft und das Leben essentiell, sondern die Tasche, in der Nahrung, wärmende Materialien und Heilpflanzen etc. gesammelt wurden. Nicht das männlich-kriegerische Individuum, sondern die Gruppe als Einheit wird damit zum Protagonisten der Erzählung. In ihrem Essay beschreibt Le Guin wie sie sich selbst nicht mit den überlieferten Heldenfiguren in den konfliktzentrierten Heldengeschichten identifizieren konnte, jedoch mit der Figur und der Erzählhaltung einer Sammlerin. Entscheidend für sie ist, dass sich Dualismen in diesen Vorstellungswelten versammelter Objekte und Subjekte auflösen, im Bezug auf Gut und Böse, Kultur und Natur, die Geschlechter, human und more than human etc. Ursula Le Guin und in Folge Donna Haraway verweisen darauf, wie unsere Realität von Narrativen und Mythologien geprägt ist, wie sehr es refigurierter Erzählungen bedarf, um neue Welten zu imaginieren. Haraway spricht hier von Worlding, also einer Verbindung von World und Word, von Materiellem, Bedeutung und Welt. In diesem Sinne kann auch Edwina Hörls Arbeitsweise verstanden werden, wo es in den Kollektionen immer darum geht, Materie und Bedeutungen als untrennbare Einheit zu verstehen, Stoffe, Design und Narrative zu verbinden.
Welche Objekte sammeln wir und welche Geschichten erzählen wir damit? Jene von uns selbst oder jene einer Gemeinschaft? Geben wir damit patriarchale Narrationsmuster weiter oder sammeln wir Material, um über non binäre Erzählungen neue Realitäten zu schaffen?
Die Tragtasche und der darin gesammelte Inhalt stehen also für die Verbindung von Materie und Bedeutung, die untrennbar miteinander verwoben sind. Die Tragtasche verkörpert aber auch gesammelte Alltagsgeschichten, die Welt definieren. Sie ist nicht nur ein Gefäß, das persönliche Geschichten, sondern Kulturgeschichte abbildet. Das Sammeln meint hier nicht eine Ansammlung von Konsumgütern, sondern bezeichnet eine Differenzen überwindende Koexistenz. Es ist ein lebensbejahendes Gegenmodell zum heldenbasierten Konfliktnarrativ.
Die Kollektion in der Tragtasche erzählt von Kulturgeschichten der Gemeinschaft. Das Tragen von Kleidern in der Tasche und am Körper findet hier performativ eine gemeinsame Form der Erzählung. Wenn Taschen geöffnet werden, tun sich Welten auf.
Sabine Winkler